Mit und trotz der Kirche glauben?

Die katholische Kirche steckt in einer Krise. Die Gründe dafür hören wir vielerorts.

Wer oder was muss sich ändern? Wieder ein paar Gedanken von mir:

 

Sind Tradition und Lehre wichtig?

Katholisch sein und Tradition gehören zusammen. In ihr schlummern viele Erfahrungen und Schätze. Die Tradition besteht aber aus vielen und lokal unterschiedlichen Traditionen. Ein paar Beispiele:

Wenn man in der frühen Kirche Gemeindevorsteher wählte, war die Devise:

„Wer allen vorsteht, soll von allen gewählt werden.“ (Leo der Große) Gemeindevorsteher waren nicht automatisch Priester. In der Zeit des sog. Eigenkirchensystems setzten Laien ihre Kleriker selbst ein, bevor die Bischöfe diese Aufgabe übernahmen. Früher konnten auch Äbtissinen, Klostervorsteherinnen, über die Priester auf ihrem Gebiet rechtlich bestimmen. Es gab auch Zeiten, da zählte die Königskrönung als Sakrament – also nicht nur die sieben Sakramente, die wir heute kennen.

Ähnlich verhält es sich mit der katholischen Lehre, bei der viele an Dogmen denken.

Die kirchliche Lehre hält fest, was Gott in Jesus durch das Evangelium offenbart hat und was Gottes Wille ist. Sie drückt die Wahrheit unseres Glaubens in Lehrsätzen aus. Die Bibel drückt Wahrheit anders aus: in Gedichten, Erzählungen, Heilungen, Mahnungen usw. Uns ist als Kirche die Wahrheit Gottes anvertraut. Aber weder die Bibel noch die Lehre haben die ganze Wahrheit Gottes. Gott ist immer mehr. Und Menschen können das nie ganz fassen. Wir sind ja nicht Gott.

Die Kirche hat z.B. lange geglaubt, dass die Menschen biologisch von Adam und Eva abstammen. Mit den beiden kam der Sündenfall. Folglich steckt die Sünde in den Genen von uns allen – es heißt ja „Erbsünde“. Sie wirkt sich auf unser moralisches Verhalten, auf den Umgang mit Schuld und Sünde und auf das ewige Leben aus – ganz zentrale Themen im Leben als Christen. Später folgte die Kirche der wissenschaftlichen Erkenntnis und hat sich von dieser Art Erbsündenlehre stillschweigend verabschiedet. Anderes Beispiel: Papst Pius IX. hat sich im 19. Jh. massiv gegen die Errungenschaften der Aufklärung gestellt, z.B. Gewissens- und Religionsfreiheit oder Demokratie. Man spricht vom „Antimodernismus“. Das Blatt hat sich geändert: Unsere Kirche findet lobende Worte für Demokratie und Menschenrechte.

 

Warum ändern sich Tradition und Lehre?

Ich sehe: Tradition(en) und Lehre haben sich in der Kirchengeschichte geändert. Aus gutem Grund: Man hat versucht, den Glauben in die jeweilige Zeit und unter ihren Herausforderungen auszulegen und zu leben. Ein Beispiel ist das 19. Jahrhundert. Menschen haben ihre Rechte und Staaten ihre Souveränität entdeckt. Um damit klar zu kommen und den eigenen Weg zu finden, hat die Kirche eine eigene, neue Form von Souveränität „erfunden“, abseits der bisherigen Tradition: Der Papst formulierte seine eigene Unfehlbarkeit („Die Tradition bin ich“). Jetzt konnte der Papst alleine definieren, was katholisch ist und wurde auch oberster Hüter des Kirchengesetzes. Das gab es noch nie. So hat sich Kirche teils mit dem Zeitgeist verändert, teils gegen ihn.  Traditionen und Lehre ändern sich. Und trotzdem glauben wir irgendwie irgendwas. Und das ist das typisch und befreiend „katholisch“, übersetzt: „gemäß des Ganzen“, „weltumspannend“. Kirche lebte selbstverständlich das „sowohl – als auch“ und stellte sich so sehr breit auf. Es gab eine bestimmte Tradition und daneben eine andere und wieder später noch eine – bis an die Schmerzgrenze.

Traditionen wollen wachgeküsst und auf ihre aktuelle Tauglichkeit geprüft sein.

 

Sowohl – als auch!?

Ich finde, diesen Blickwinkel sollten wir neu lernen: Sowohl – als auch. Sowohl das Lehramt des Papstes findet etwas von der Wahrheit des Evangeliums als auch die Bischöfe, die Wissenschaften, die Vernunft, ja die Kirche insgesamt mit allen Gläubigen (katholische Lehre!). Das bringt Gewaltenteilung und Mitentscheidung mit sich.  Das, was uns der Zeitgeist an Auseinandersetzung abverlangt.

 

Mehr noch: Unser Glaube an Jesus Christus ist so weltumspannend, dass seine Wahrheit auch in der „Welt“ zu finden ist. Reich Gottes kann überall sein, der Heilige Geist steckt in der Lehre und Tradition, „meldet“ sich aber auch im Verein oder im Bundestag (auch katholische Lehre). Ich finde diese Einsicht hilfreicher als unqualifizierte Schlagworte: „Wir dürfen uns nicht dem Zeitgeist anpassen.“

Gott hat sich in Jesus an die Zeit gebunden. Und Kirche ist nie so göttlich, dass sie nicht auch Teil des Zeit-Geistes ist und der Heilige Geist auch in unsere Zeit hinein wirkt. Das 2.Vatikanisch Konzil fordert, „die Zeichen der Zeit zu erkennen“. Anders ausgedrückt: Ist in der Gesellschaft alles, was nicht kirchlich ist, schlecht?

Oder: „Kirche ist keine Demokratie“. Auch so ein Totschlagargument. Was soll das heißen? Weil Jesus 12 Männer zu Jüngern berufen hat darf Kirche keine synodale, gleichberechtigte und differenzierte Entscheidungen treffen.

Und nun? Ein Mann in Rom entscheidet–  seit 150 Jahren „unfehlbar“ – und ist näher an Gott als es die Bischöfe auf Konzilien, die z.B. festgelegt haben, dass Jesus ganz Gott und ganz Mensch ist!? Oder ist Demokratie an sich schlecht? Haben Gläubige, die einst ihre Bischöfe gewählt haben, unchristlich gehandelt, weil es „nur“ Laien waren?

 

Ist Wahrheit Wissen?

Für mich ist Wahrheit nicht nur, dass man die Inhalte des Glaubens kennt. Zur Wahrheit gehört auch, dass man sie nachvollzieht und sinnvoll lebt. Viele haben heute ihre liebe Not mit der kirchlichen Sexualmoral. Das kann an den Menschen liegen. Oder an der Lehre, weil sie Menschen in ihrer Wahrheit einfach nicht erreichen will. Michael Seewald, ein junger Theologe, schreibt: „Gelingt es nicht mehr, einen Glaubenssatz als Frohe Botschaft zu verkünden oder ihn zumindest in einem evangeliumsgemäßen Zusammenhang einzuordnen, muss sich die Lehre der Kirche verändern.“  (Michael Seewald, Reform S. 136).

Kirche sagt: Das und das glauben und lehren wir. Selbst wenn niemand es nachvollzieht. Kirche könnte auch sagen: Das und das glauben und lehren wir.

Aber wenn so viele sich damit schwer tun, überlegen wir uns, wie wir Menschen wahr-haftig ansprechen können.

 

 

Ein Blick nach vorne

Was mich einfach bewegt:

Ich sehe Menschen vor mir, mit denen ich als Pfarrer und privat zu tun habe.

Die Brautpaare leben zu fast 100 Prozent, in „wilder Ehe“.

Sie haben Sex und verhüten nicht selten – und das auch künstlich (nehme ich an).

Sie sind in Vereinen und Gremien, wo sie mitbestimmen und mitentscheiden –

Männer und Frauen (zumindest theoretisch) gleichberechtigt.

Vieles davon passt nicht zu Kirche und ihrer Lehre. Das ist auch in Ordnung.

Aber:  Die Menschen wollen glauben, sich orientieren und Dinge nachvollziehen, aber nicht, weil es jemand vorgibt, sondern weil es einsichtig ist und trägt.

Ich verstehe das nicht recht:

Wir haben eine wunderbare Botschaft von Jesus, von Liebe und Freiheit, von Gleichheit und Gerechtigkeit, von Vergebung und Hoffnung auf ewiges Leben.

Warum tun wir uns so schwer, es in eine zeitgemäße Form und Struktur zu gießen, nicht – wie das Kirche früher selbstverständlich und weitreichend getan hat?  Weil Glaube nicht viel mit Struktur zu tun hat? „Wer unter euch der Größte sein will, soll euer Diener sein“ sagt Jesus. Auch solche Wahrheiten müssen sich in der Kirche strukturieren.

Oder besteht die Gefahr, uns anzupassen und Konflikten aus dem Weg zu gehen?

Kirche ist  „Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott und für die Einheit des ganzen Menschengeschlechts.“(Vatikanum II)  Darum öffnet sie sich den Zeichen der Zeit, um sich zu profilieren und in glaubwürdig den Konflikt, wo nötig, zu wagen.

Ich wünsche uns allen weiterhin ein gutes, faires und wahrhaftes Miteinander in unserem Kirche- und Gemeindesein. In einem großzügigen „Sowohl – als auch“.

Pfarrer Wolfgang Braun

 

Es gibt nur einen Gott – aber welchen Ein Text zum Nachdenken von Pfarrer Wolfgang Braun

Wer ist Gott? Die Frage ist uralt und für uns Gläubige existenziell.

Menschen haben in ihrer Geschichte viel über Gott nachgedacht. Sie haben ihn gedeutet, bestritten, erfahren und verschiedene Zugänge zu ihm entdeckt.

Die meisten Menschen machen sich Gedanken. Manche richtig philosophisch wie z.B. Thomas von Aquin, der meint: Wenn etwas geschieht, hat das einen Grund. Und das hat auch wieder einen Grund. So geht das weiter. Am Ende gibt es den Ur-Grund. Alles muss doch irgendwoher kommen sagen wir gerne.

Und umgekehrt folgt auf jedes Ereignis etwas anders – das letzte Ziel ist Gott.

Eine andere Deutung lautet: Gott ist völlig anders als alles, was es gibt und lebt. Er ist jenseitig. Über ihn können wir nichts groß wissen oder sagen. Jeder Vergleich stößt an Grenzen. Er ist nicht greifbar. Aber weil er ganz anders ist, gibt es ihn auch.

Was alle, die das lesen, beschäftigt: Was hat Gott mit unserer Welt und uns selbst zu tun? Greift er ein? Wie? In Krisen wie Corona wird die Frage drängend.

Eine Richtung meint: Gott hat die Welt erschaffen und überlässt sie dann ihrem eigenen Schicksal. Positiv gesagt: Es liegt an uns, mit der Welt und ihren Gesetzen zurecht zu kommen und unser Bestes vor den Augen Gottes draus zu machen.

Eine andere Position sieht Gott mit der Welt vollständig verbunden, sie bilden eine Einheit. Wie verschmolzen miteinander. Man kann Diesseits und Jenseits nicht mehr unterscheiden. (sog. Pantheismus)

Wieder andere kommen zur Überzeugung: Gott ist absolut anders und trotzdem ist er anwesend und zeigt sich in allem, was sich ereignet und lebt. Er greift in die Geschichte ein (Panentheismus).

Der moderne Mensch geht stärker von sich aus in dem Sinn:

Gibt es etwas im Menschen, das auf Gott hinweist? „Verrät“ unser Menschsein etwas über Gott? Ja, nämlich unsere Erfahrungen: Wir kommen auf die Welt – ungefragt. Wir müssen mit ihr zurechtkommen und sie gestalten. Wir haben Grenzen und müssen sterben.

Gleichzeitig suchen wir nach allem, was sinnvoll ist. Wir wollen gut handeln und richtig entscheiden. Wir „greifen“ regelrecht nach dem Großen, nach dem Jenseits, das hinter unseren Erfahrungen liegt: Wir machen gute Erfahrungen – „ich bin ganz im Glück“ und schlechte Erfahrungen – „ich bin am Boden zerstört“. Das weckt unsere Sehnsucht und entfaltet ein Gespür, dass hinter oder über allem das Beste lauert, Anfang und Ziel: Gott.

 

Ich persönlich verbinde das Nachdenken über Gott mit meinen Erfahrungen und natürlich mit den biblischen Vorstellungen von Gott:

Für mich ist Gott tatsächlich ganz anders. Jenseits. Unbegreifbar. Ein Geheimnis. Ich will es lüften wie jedes Geheimnis. Aber klar – das geht nicht. Das macht mich in der Regel demütig und weckt eine Art Respekt: Gott als Geheimnis hat etwas Zauberhauftes und Heiliges an sich wie ein Geheimnis, das ich nie lüften werde. Ich kann nicht über ihn bestimmen. So weit weg und geheimnisvoll, dass er mir schon wieder vertraut ist, sehr nahe. Ich erlebe oder deute Gott als Gegenwart, die alles  umhüllt, zumindest mit allem zu tun hat. Komisch, aber für mich ist das so: Wenn mir Gott fehlt oder schweigt, meine ich: Dann ist er erst recht da. Eben ein Geheimnis, das ich nicht herbefehlen kann. Wie viele schöne Ereignisse und Empfindungen auch. Wie beim Propheten Elija, dem Gott fern war und sich schließlich gezeigt hat „in der Stimme zarter Stille“ (1 Könige 19,12). So erinnert mich Gott: Ich selbst bin ein Geheimnis wie Gott: Ich kann nie ganz lüften, was ich für einer bin. Ich werde nie wirklich schlau, wo meine verschiedenen Gedanken herkommen, wer oder was meine Gefühle auslöst und was das alles zu bedeuten hat. Das gibt Demut und Respekt vor mir selbst.

Paulus bringt das in ein Gebet: „In dir leben wir, sind wir und bewegen wir uns.“

Als Christ beruhigt es mich: Ein gutes Stück hat Gott sein Geheimnis gelüftet und hat sich offenbart, gezeigt, sich selbst mitgeteilt, sagen Theologen: in Jesus Christus. Ich glaube tatsächlich oder versuche zu vertrauen, dass das ein Leben lang und darüber hinaus reicht, was Bibel und Menschen uns überliefern: „Gott ist die Liebe.“ (1 Joh.), er ist barmherzig, mütterlich und väterlich, Freund und Herr.

Ich bin einem Gedanken begegnet, der dazu passt: Gott ist ein Geheimnis, das wie etwas ist, das sich ereignet: zwischen mir und anderen, denen ich verständnisvoll und offen, eben in Liebe begegnen möchte. Zwischen uns, in der Begegnung, in der Gemeinschaft, „passiert“ Gott, teilt er sich mit, wird lebendig als Liebe und Barmherzigkeit in einem.

Ich werde mich weiter auf den Weg machen zu Gott: nah und fern; geheimnisvoll und offenkundig. In Gemeinschaft, in seinem Fehlen und im Vertrauen: „Gott ist die Liebe.“

Himmelwärts

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Aus unserer Gemeinde sind verstorben

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